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Kritik zu Tote Mädchen lügen nicht

Warum die Netflix-Serie schlecht und gleichzeitig großartig ist!

Stefan Schreier

Ich war in der letzten Woche krank. Ein grippaler Infekt hat mich für ein paar Tage mit Salbeitee an die Couch gefesselt. Das bedeutet für mich dann auch immer, das Film- und Serienangebot von Amazon Prime und Netflix vollends auszuschöpfen. Nach einigen Filmen, die ich gesehen habe, bin ich auf Netflix dann über die neue Serie “Tote Mädchen lügen nicht” gestolpert. Die Serie wurde mir schon seit ein paar Tagen angezeigt, jedoch dachte ich an eine Krimiserie oder ähnliches, was mich gemeinhin nicht so reizt. Schließlich habe ich irgendwann doch die erste der insgesamt 13 Folgen gestartet, was mich für knapp zwei Tage und darüber hinaus völlig gefesselt hat.

In “Tote Mädchen lügen nicht” geht es um Hannah Baker (Katherine Langford) aus einer amerikanischen nicht näher benannten Stadt. Vermutlich spielt die Serie an der Westküste zwischen Seattle und San Francisco. Direkt zu Beginn wird klar, dass Hannah sich selbst das Leben genommen hat. Sie hat jedoch in “P.S. Ich liebe dich”-Manier Kassetten für die Nachwelt aufgenommen - eigentlich für 13 bestimmte Personen, denen Hannah noch etwas zu sagen hatte. Einer von ihnen ist Clay Jensen (Dylan Minnette), der die Hauptrolle in der Gegenwart einnimmt, während wir in zahlreichen Rückblenden auch das Leben von Hannah sehen.

Ohne zu viel zu verraten, wird jedoch sehr schnell klar, dass es in der Serie um Mobbing geht. Es wird verdeutlicht, wie jeder der 13 beteiligten Personen dazu beiträgt, dass sich Hannah schließlich die Pulsadern aufschneidet. Jeder Einzelne wusste nicht, dass der Suizid die Konsequenz auch ihres Verhaltens sein würde, doch am Ende hat jeder der Mitschüler mit seinem dunklen Geheimnis, dass Hannah in ihren Kassetten aufdeckt, dazu beigetragen.

Die Produktion

Netflix-Produktionen von Serien haben bisher immer ein sehr hohen Qualitätsstandard gehabt. Jedoch ist der visuelle Impact der Serie überschaubar. Keine Spezieleffekte, kein überaus künstlerisches Grading und sehr bodenständige Settings bestimmen hier das Bild. Das Augenmerk sollte hier offenkundig auf dem brisanten Thema liegen. Umgesetzt haben die Serie Anonymous Content, Paramount Television, July Moon Productions und Kicket to the Curb Productions. Hinter July Moon Productions steckt übrigens die US-amerikanische Schauspielerin und Sängerin Selena Gomez. Sie sollte zunächst die Rolle der Hannah Baker spielen. Nachdem Netflix jedoch entschieden hatte, daraus eine Miniserie zu drehen, war sie zumindest noch als Produzentin an Bord.

Ansonsten ist die Produktion sehr konventionell und unaufgeregt. Lediglich die Schnitte zwischen der Gegenwart aus der Sicht von Clay und der Vergangenheit aus der Perspektive von Hannah sind häufig sehr intelligent und kreativ gelöst.

Schauspielerische Leistung: mangelhaft

Wenn etwas an der Serie negativ auffällt, ist es neben der klischeebehafteten Charakterzeichnung der Protagonisten auch deren kaum vorhandenes schauspielerisches Talent. Viele Dialoge in der Serie würde kein Mensch so führen und schon gar nicht so darbieten, wie die jungen Schauspieler. Die Hauptrollen mit Katherine Langford als Hannah und Dylan Minnette als Clay waren zwar auch nicht überragend gespielt, jedoch immerhin um ein paar Klassen besser, als die zahlreichen Nebenrollen. Nicht nur, dass die Rollen absolute US-Highschool-Klischees bedienen sollten, sie waren auch entsprechend leidenschaftslos und aalglatt gespielt.

Mein Fazit zu “Tote Mädchen lügen nicht”

Trotz der überschaubaren Kreativität und schauspielerischen Leistung der vielen Darsteller hat mich die Serie absolut gefesselt. In “Tote Mädchen lügen nicht” oder “13 Reasons why” - so der Orignialtitel - schlägt die Story alle anderen Defizite und macht die Serie zu einer mitreißenden, tragischen und hochemotional erzählten Geschichte. Es gibt dort Szenen und absolut bedrückende Momente, die mir den Atem haben stocken lassen. Sie lassen trotz aller Fiktion hinter dem zugrunde liegenden Jugendbuch von Jay Asher vermuten, wie grausam Kinder und Jugendliche sein können. Die Serie macht deutlich, was für dramatische Auswirkungen viele verschiedene Taten auf ein 17-jähriges Mädchen haben können. Jede Beleidigung, jeder Streich, jedes falsche Wort zur falschen Zeit und jede noch viel schlimmere Tat hat in der Summe aller Teile dazu beigetragen, dass sich ein eigentlich intelligentes und hübsches Mädchen das Leben nimmt.

Und genau dieser Faktor sorgt dafür, dass die Serie mir einige Tage nach der letzten Folge noch so präsent im Kopf ist.

Die Serie zeigt, wie sehr ein Mensch emotional gebrochen werden kann - ohne das es irgendjemand aus dem direkten Umfeld mitbekommt. Und genau dieser Faktor sorgt dafür, dass die Serie mir einige Tage nach der letzten Folge noch so präsent im Kopf ist. Sie bedrückt mich und lässt mich nur schwer los. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich mich mit der Hauptfigur aufgrund meiner eigenen Schulzeit bestens identifizieren kann - aber abgesehen davon ist es die Tragik dieses erzählten Schicksals und das Treffen des aktuellen Zeitgeists. Mittels Plattformen wie Facebook, WhatsApp & Co., die Jugendliche heute nutzen, verleiht das dem Thema eine andere Tragweite, als es damals zu meiner eigenen Schulzeit denkbar gewesen wäre.

Diese Serie sorgt wegen der brisanten Thematik rund um Mobbing und Suizid als Konsequenz daraus für Aufsehen - wäre sie aber noch besser produziert und besetzt, hätte das ein Meilenstein der Serienproduktion werden können. Unterm Strich ist “Tote Mädchen lügen nicht” aber auf jeden Fall eine klare Empfehlung!