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Da riecht es einfach nach Fußballgeschichte

Beim Groundhopping schlagen Fanherzen höher

Amanda Reinprecht

Jonas gibt zu, er ist süchtig. Süchtig nach Fußball. Er sagt: „Beim Fußball kommt man viel rum. Man lernt neue Menschen und Kulturen kennen.“ Für ihn ist das ein Gewinn. Während andere Briefmarken, Überraschungsei-Figuren oder Schuhe sammeln, sammelt Jonas Schulte Fußballspiele – besser gesagt, er sammelt Fußballstadien. Der 28-Jährige ist nämlich ein sogenannter „Groundhopper“.

Groundhopper lieben Fußball und die Orte, wo er gespielt wird. Ein Buch voller Vorschriften gibt es bei diesem Hobby nicht, doch wer ein Hopper sein will, der sollte sich an Regeln halten. Ein „Ground“ ist beispielsweise erst dann abgehakt, wenn man dort mindestens 45 Minuten eines Fußballspiels gesehen hat. Dabei ist es egal, ob man sich ein Bundesliga- oder Kreisklasse-Spiel ansieht. Besichtigt man ein Stadion ohne ein Spiel dort zu sehen, dann nennt man das „spotten“.

Jonas ist freier Journalist beim WDR. Beim Radiosender 1Live berichtet er auch gerne über Sportthemen. „Fußball ist einfach mehr als nur ein Hobby für mich und ich bin wirklich glücklich, dass ich den Sport auch in meine Arbeit mit einfließen lassen kann“, sagt er. Trotzdem ist es auch ein sehr zeitintensives Hobby. Das ist für ihn aber kein Problem, denn er sieht es als durchaus „sinnvoll genutzte Zeit“.

Sightseeing in 90 Minuten. Groundhopper kommen demnach viel rum, denn Stadien gibt es ja auf der ganzen Welt. Besucht man eines außerhalb von Deutschland, bekommt man einen Länderpunkt. Auch Jonas hat schon Länderpunkte gesammelt. „Ich war beispielsweise schon in Belgien und Spanien“. Klar, kennt er die großen Stadien, doch die kleinen mag er viel lieber. Sein Lieblings-„Ground“ ist das Waldstadion im Kaffeetälchen. Das Stadion liegt im Westen Thüringens in Tiefenort. Also mitten im Wald. „Hier war früher der große Ostfußball zu Gast, weil Tiefenort als Betriebssportgemeinschaft in der zweithöchsten Spielklasse der DDR gespielt hat. Das Stadion ist so halb verwittert, aber für die Verhältnisse des kleinen Ortes riesengroß. Da riecht es einfach nach Fußballgeschichte. Und das macht oft den Charme aus.“

Doppler, Trippler und Rosinenhopper. Es gibt Audrücke, die findet man so nur in der Groundhopper-Szene. Zwar gibt es kein einheitliches Vokabular, doch Hopper sind kreativ. „Da hat jeder so seine eigenen Begriffe, die er benutzt. Viele sind sogar selbst kreiert.“ Über Facebook und Twitter hat Jonas einen Aufruf gestartet und Wörter gesammelt. Daraus hat er dann ein “Hopper-Duden” verfasst. Begriffe wie „Rosinenhopper“, für Groundhopper, die sich die attraktivsten Spiele aussuchen oder ein „perfektes Verbrechen“, wenn sie zwei (Doppler) oder drei (Trippler) „Grounds“ an einem Tag machen.

Beim Fußball kann man/frau Emotionen leben. Groundhopping ist, wie es vermuten lässt, ein männerdominiertes Hobby, aber vereinzelt gibt es auch Frauen, die zu Stadion-Nostalgikerinnen werden. Wie die polnischen Bloggerin Zuza Walczak.. “Ich finde es toll, dass sie von sich selbst sagt, sie sei ein Fußballfreak und sie liebe Bier genau wie Männer.”

Lieber Traditionsvereine als Retorten-Clubs. Natürlich hat Jonas auch einen Lieblings-Bundesligaverein. Sein Fußball-Herz schlägt für Hannover 96. Weil er hier ganz in der Nähe aufgewachsen ist. Die Sportschau oder Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs gehören zu seinem Pflicht-TV-Programm, dennoch würde er jederzeit ein spannendes Lokalderby in der Oberliga einem Bundesligaspiel vorziehen. „Hier treffen Traditionsvereine auf kleine Dorfvereine. Die haben oft eine gewachsene Fan-Szene. Das hat seinen Reiz. Stimmung auf den Rängen ist ein sehr wichtiger Faktor, damit ein Spielbesuch auch attraktiv ist.“

Was bei einem neuen „Ground“-Besuch natürlich nicht fehlen darf ist ein Fotoapparat. So erkennt man auch die anderen Groundhopper, meint er. „Wenn ich im Stadion bin und mir jemand mit Rucksack und Kamera entgegenkommt, dann kann ich mir zu 99,9 Prozent sicher sein, dass das ein Hopper ist. Für viele Hopper ist es nämlich sehr wichtig, die Stadionbesuche mit Fotos zu dokumentieren.“ So macht er das natürlich auch. Auf seinem Blog Groundblogging.de hält Jonas seine Besuche und Erlebnisse fest. Am liebsten in kleinen Videos, um sich ein bisschen von den anderen Bloggern abzuheben. Zwischen Hoppern herrscht aber keine Rivalität, ganz im Gegenteil. „Wenn man sich im Stadion trifft, tauscht man sich aus, erzählt wo man schon war und gibt Tipps für den nächsten Besuch. Bisher hat Jonas schon über 150 „Grounds“ besucht. Und es sollen noch viel mehr werden. Denn eines steht fest: irgendwo ist immer ein Fußballspiel und ein Stadion, das es noch zu entdecken gilt. Seine Hopper-Reise hat er gerade erst begonnen.

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